Outreach, Museen & Diversität

Das Gespräch mit Paul Spies und Constanze Schröder aus dem Stadtmuseum Berlin im Rahmen des von der Nordmetall Stiftung geförderten Projektes “Das relevante Museum” war eine Freude. Selten habe ich eine so klare Haltung zu Diversität und eine derart strategische Umsetzung von Outreach im Museum erlebt.

Ich stelle in dieser Präsentation Impulse und Inspiration aus meiner langjährigen Praxis zum Thema Diversität im Museum zusammen.

Kultur digital – grenzenlos und frei zugänglich

In Vorbereitung meines Workshops zu Digital Outreach für die ICOM Tagung Ende letzten Jahres habe ich versucht mir einen Überblick über digitale Angebote von Museen zu verschaffen. Zum Vorschein kamen 360-Grad Touren, Virtuelle Ausstellungen, digitale Sammlungen oder Digitorials. Angebote bei Instagram und Facebook. Heute ergänze ich meine Recherche um weitere Kulturangebote. Konzerte werden live gestreamt oder es gibt Video on Demand, die man jederzeit abrufen kann. Das Angebot ist enorm – nur den Überblick hat niemand. Ich werde hier einige Quellen zusammenzutragen und ergänze vor allem deutschsprachige Angebote, denn im englischsprachigen Raum kann man schon sehr umfassende Sammlungen finden.

Digitale Angebote von Museen

Wie zum Beispiel diese Übersicht von Museum Computer Network, die sich vor allem auf englischsprachige Angebote konzentriert:

Das sicherlich aufwendigste Digitalisierungprojekt ist  Google Arts & Culture mit weit über 1.000 Sammlungen online darunter das MoMa in New York, das Van Gogh Museum in Amsterdam, die Museumsinsel Berlin, Uffizien in Florenz,  das Brooklyn Museum in New York, das Singapore Art Museum und  viele weitere große und kleine Museen. Hier eine Auswahl von Museen, die virtuell bei Google Arts präsent sind:

Museumsinsel Berlin

Belvedere Wien

Schloss Versailles

Uffizien Florenz

Brooklyn Museumh

Brasilianisches Nationalmuseum

Die Übersicht aller Museen, die in diesem Projekt mit Google zusammenarbeiten ist hier zu finden.

Partnermuseen von Google Arts & Culture

Museen bieten überdies eigene digitale Angebote an, indem sie entweder ihre Sammlung online präsentieren, ergänzende Informationen zum Ausstellungsbesuch zur Verfügung stellen oder nutzerorientierte digitale Museumserlebnisse unabhängig von einem Besuch ermöglichen. Die Bandbreite an Möglichkeiten zeigen diese ausgewählten Beispiele:

Anne Frank Haus online

Städel Museum digital

Jüdisches Museum Frankfurt – digitales Museum

Historisches Museum Frankfurt – digitale Angebote

Museum Barberini – Multimedia Website

Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg – Sammlung online

Naturhistorisches Museums Wien

Kunsthistorisches Museum Wien

Es lohnt sich auch im App-Store nachzusehen. Viele Museen bieten Apps, eine Auswahl von 180 Apps ist auf der Website museumsapps.de zu finden.

Interaktionen von Museen über Twitter, Facebook & Instagram

Doch reicht es die Sammlung einfach nur online zu stellen, um Aufmerksamkeit – also Reichweite – zu erzeugen? Nein. Das stellen viele Häuser in diesen Tagen fest und lassen sich unterschiedliche interaktivere Formate einfallen. Denn was die Menschen wollen und das zeigt sich in dieser Zeit mehr denn je, sind soziale Kontakte. Kaum jemand möchte sich eine Führung durch ein Museum im Nachhinein ansehen. Die Menschen wollen, zumal auch virtuell, Aktivitäten in Gemeinschaft erleben. Hier wieder einige ausgewählte Beispiele:

Europäisches Hansemuseum in Lübeck bei Twitter

Es müssen nicht immer die großen und weltweit bekannten Museen sein, Reichweite erzielen auch kleinere Museen. Wie etwa das Europäische Hansemuseum mit seinem sympathischen Rundgang durchs Museum bei Twitter. Dabei lernt man auch die Mitarbeiter*innen kennen, die in Kurzfilmen ihren persönlichen Einblick in das Museum geben. Bei der Anzahl der Aufrufe, kann das Museum, das im Jahr etwa 100.000 Besuche zählt, mit den großen Museen mithalten.

Museum für Kommunikation Frankfurt mit dem Hashtag #neulandAusstellung

Das Museum für Kommunikation in Frankfurt verlegt die Eröffnung der neuen Ausstellung ins Netz und lädt am 25. März 2020 zur Sneak Preview ein. Mitdiskutieren ist unter dem Hashtag #neulandAusstellung gewünscht. Auf der Ausstellungs-Website ist eine Twitterwall eingebunden.

Sneak Preview der Ausstellung #neuland: Ich, wir und die Digitalisierung im Museum Kommunikation Frankfurt

Die Kunsthalle Baden-Baden

Die Kunsthalle Baden-Baden verlegt ihre aktuelle Ausstellung “Körper.Blicke.Macht” über die Kulturgeschichte des Badens ins Digitale. Bei Facebook kündigen die Museumsmacher*innen an:

“Jeden Montag stellen wir Euch eine Episode unseres Audioguides inklusive Videomaterial aus dem dazugehörigen Ausstellungsraum vor. Mittwochs bekommt Ihr einen Einblick in die Ausstellungsteile, die sich außerhalb der Kunsthalle befinden, z.B. im Stadtmuseum oder im Bertholdbad. Freitags zeigen wir Euch, wie wir den digitalen Raum sonst noch so nutzen.”

Eine virtuelle Ausstellungseröffnung fand letztes Jahr bereits einmal statt und wird nun im April wiederholt. Am Mittwoch, 8. April 2020, 19 Uhr wird www.kunsthallerevisited.com offiziell gelauncht und zeigt unter anderem Werke der Künstler*innen Dan Flavin, Emeka Ogboh, Richard Serra, Cindy Sherman und Tobias Rehberger.

An der Digitalen Vernissage teilnehmen kann man über https://zoom.us/j/613821427 sogar die Anleitung wird verlinkt: Zoom_Anleitung. Meldet man sich bis spätestens Mittwoch 1. April 2020 verbindlich unter info@kunsthalle-baden-baden.de an, bekommt man zum Anstoßen eine Flasche Prosecco per Post zugesandt. Durch die virtuelle Vernissage moderiert die in der Museumsszene bekannte Bloggerin Anke von Heyl @kulturtussi

Anke von Heyl macht auf die digitale Vernissage der Kunsthalle Baden-Baden aufmerksam

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt bei Instagram

Auf große Resonanz freuen sich die Instagram-Beiträge der Schirn Kunsthalle in Frankfurt mit derzeit ingesamt 1.440 Beiträgen und über 59.000 Abonnent*innen. So stellt das Museum zum Beispiel 34 Tage lang 34 Künstlerinnen aus der aktuellen Ausstellung vor.

Instagram-Beitrag der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu der Ausstellung Fantastische Frauen

Das Kunstmuseum bietet außerdem auf der eigenen Website Digitorials – das sind bildhafte erzählerische Einblicke zu den Ausstellungen – an. Auch die Facebook-Posts erfreuen sich großer Beliebtheit, so dass man hoffen möchte, dass der Kunstenthusiasmus, der hier versprüht wird auch über die Kunstszene hinaus wirkt.

In den vergangenen Tagen haben immer mehr regionale und überregionale Medien das Thema digitale Kunstangebote aufgenommen. Bitte gerne in den Kommentaren ergänzen. Herzlichen Dank.

Weitere Links

Museumsschließungen. Endlich in Ruhe digitale Archive durchstöbern
Von Katharina Cichosch, Monopol Magazin am 16.03.2020

Museen im Netz – Schlendern und Staunen von zu Hause aus
Hr2-Kultur am 16.03.2020

Mirjam Wenzel die Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt

Museum digital: Kunst und Ausstellungen im Internet
Von Henriette Schreurs am 18.03.2020 im SWR2

Digitales Museum. Tipps der Redaktion
Museumsportal Berlin am 19.03.2020 und laufend aktualisiert

Auf zum virtuellen Museumsbesuch
Von Katharina Cichosch am 20.03.2020 in Spiegel Kultur

So laden geschlossene Museen zu virtuellen Rundgängen ein
Von Claudia Rometsch am 22.03.2020 im Handelsblatt

Digitale Angebote von Museen. Cézanne nach Farben sortiert
Von Birgit Rieger am 23.03.2020 im Tagesspiegel

Museen in der Coronakriese. Nofretete allein zu Haus
Von Monopol/dpa am 23.03.2020

Kultur auf dem Sofa
Das Kulturportal der Stadt Frankfurt am Main bündelt alle digitalen Kulturangebote

Historisches Museum Frankfurt bei Twitter

Konzerte & Theater online

Das Onlinemagazin Nachtkritik veröffentlicht einen Online-Spielplan, in dem auch die täglichen Twitter-Konzerte von Igor Levit nicht fehlen. Hier finden sich Live-Streams der Berliner Philharmoniker, der Wiener Staatsoper oder der Metropolitan Opera in New York.

Tägliche Twitter-Konzerte mit Igor Levit

Die Bayrische Staatsoper hat ihre Konzerte ins Netz verlegt und bietet einen Online-Spielplan und bei der Elbphilharmonie Hamburg können viele Videos abgerufen werden. Die Staatsoper unter den Linden in Berlin hat ein Corona-TV eingerichtet.

Literatur & Lesungen online

Der wohl prominentesten Vorleser derzeit ist der israelische Präsident Reuven Ruvi Rivlin. Er liest Kindern auf Facebook vor und die Videos seiner Lesungen sind auch bei Youtube zu finden.

Der israelische Präsident liest Kindern vor

Im deutschsprachigen Raum tummeln sich die Leseratten zum Beispiel im Literturcafé. Hier findet etwa anlässlich des 250. Geburtstags die Lesung des Romans »Hyperion« von Friedrich Hölderlin statt.

Lesung von Hyperion im Livestream

Literatur fürs Ohr gibt es im Bayrischen Rundfunk auf Bayern 2 schon länger. Jetzt dürften die Live Lesungen, die BR2 App oder die Podcasts gefragt sein.

Auch Büchereien bieten teilweise erweiterte online Angebote an. Die Bücherhallen Hamburg bieten zum Beispiel allen Hamburgerinnen und Hamburgern für sechs Wochen einen kostenlosen Zugang zu ihren digitalen Angeboten an. Hier ist für jeden und jedes Alter etwas dabei. Einen deutschlandweiten Überblick über die Aktivitäten von Bibliotheken gibt es leider nicht. Es gibt aber die Möglichkeit, die lokale Bibliothek über den Wegweiser zu finden und anzusprechen.

In Österreich gibt es die junge Plattform litrobona für moderne österreichische Literatur, die auf verschiedene Online-Services wie Online-Lesungen, Live-Streams oder Webinare aufmerksam macht.

Hashtags bei Twitter

Die Anzahl der digitalen Kulturangebote wird in den kommenden Tagen sicher weiter steigen und bei Twitter werden sie unter folgenden Hashtags gesammelt:

#MuseumFromHome #MuseumMomentofZen #culturedoesnotstop #CalmDownArt #DigitalMuseum #DigAmus #digkv #KulturinZeitenvonCorona #KulturDigital #KulturimNetz #KulturgegenCorona #closedbutopen Diese Liste von MaxWestphal wurde ergänzt von Anja Kirchner-Kannemann und ich ergänze weiter #DigSmus #KulturstattCorona #DigiKV #museumonline #digitaleSammlung #virtualmuseum #onlinetheater #theaterundnetz #streamingspielplan #openculture #digitaloutreach

Geschichtomat wird mit dem German Jewish History Award der Obermayer Stiftung gewürdigt

Mit der Preisverleihung des Obermayer Jerman Jewis History Awards 2020 am 27. Januar im Abgeordnetenhaus von Berlin wurde die herausragenden Vermittlungsarbeit im Rahmen des Projekts Geschichtomat gewürdigt. Die Obermayer Awards werden an Initiativen verliehen, die dazu beigetragen, das Gedenken an die jüdische Vergangenheit zu bewahren und auf innovative Weise einen Beitrag zur Verständigung leisten.

Geschichtomat wurde von 2011 bis 2013 von Ivana Scharf zusammen mit Dr. Andreas Brämer initiiert und ist ein Projekt des Institut für die Geschichte der Deutschen Juden in Hamburg. Zwischenzeitlich konnten über 800 Schüler*innen daran teilnehmen und die jüdische Geschichte und Kultur in ihrem Umfeld erforschen. Sie haben über 200 eigene Videos produziert und auf die Website www.geschichtomat.de hochgeladen. Die Form der innovativen Vermittlungsarbeit sollte für mehr Schüler*innen ermöglicht werden, denn es ist wichtig, dass die jungen Menschen sich ihren eigenen Zugang zu jüdischer Geschichte und Kultur erarbeiten. Eine lebendige Erinnerungskultur ist Teil kultureller Bildung und sollte im Schulalltag ganz selbstverständlich sein. Das hat nicht nur eine große Bedeutung für die Schüler*innen, sondern kann auch eine große Wirkung für die Menschheit entfalten.  Wie könnte das besser gelingen als mit Unterstützung des phantastischen Geschichtomat Teams.

Die fünf Qualitätsbereiche künstlerischer Arbeit an Schulen

Impulsvortrag anlässlich der Weiterbildungstagungstagung „anGewandt“: Wie können Kulturprojekte in Schulen gelingen?
Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg, 18.Januar 2020

Auf dem Campus forschen und arbeiten etwa 4.500 Menschen. Die Weiterbildungstagung «anGewandt» fragte danach wie Kulturprojekte in Schulen gelingen können. Rund 150 Lehpersonen, Schuleiter*innen und Kunst- und Kulturschaffende und Kulturvermitler*innen kamen zusammen, um sich darüber auszutauschen wie mit wie mit künstlerischen Zugängen neue Bildungsgelegenheiten geschaffen werden können.

In meinem Vortrag erläuterte ich, weshalb die Impulse künstlerischer Arbeit für Schulen im 21. Jahrhundert so wertvoll sind. Die Gesellschaft wandelt sich und mit ihr die Schulen. Daran geknüpft sind Anforderungen an die Individualisierung der Bildungsbegleitung, die zeitgemäße Gestaltung der Lernumgebung und die Einführung neuer Lernmethoden. Neue Formen der Zusammenarbeit, die eigenverantwortlich, partizipativ und kollaborativ organisiert sind werden bedeutsamer. Was hat das mit Kunst zu tun? Künstlerisches Arbeiten birgt Erfahrungspotenziale für die Aneignung von Kompetenzen. Schulen können Gelegenheiten bieten in künstlerischen Prozessen in Berührung mit diesen Potenzialen zu kommen. Welche Aspekte bei der Umsetzung bedeutsam sind habe ich in meinem Beitrag veranschaulicht.

Digital-Outreach für das Museum der Zukunft

Die Digitalisierung und die Entwicklung neuer Technologien wirken in alle Arbeitsbereiche des Museums, verändern diese und bringen neue Aufgaben mit sich. In Verbindung mit Outreach können Museen innovative Wege beschreiten und die neuen Möglichkeiten für weit mehr nutzen als nur Inhalte mit vertrauten Methoden in andere Medien zu verpacken. Apps, Gaming, Augmented- und Virtual Reality-Angebote, 3-D Druck, Hackathons, MOOCs und andere digitale Medien zur Wissensvermittlung können sich entweder an den bisherigen Interessentenkreis wenden oder aber so konzipiert werden, dass sie Museumserfahrungen für einen völlig neuen Interessent*innenkreis eröffnen. Wie sieht die Digital-Strategie eines Museums aus, wenn Outreach – verstanden als Beziehungsaufbau zu Menschen, die bisher nicht zu den Museumsbesucher*innen zählen – integrierter Bestandteil ist?
Mit meinem Workshop auf der ICOM Tagung in München gebe ich einen theoretischen Einblick in die Entwicklung von Outreach in Museen und verdeutliche anhand von Beispielen aus der Praxis, wie mit einer umfassenden Digital-Outreach-Strategie die Wahrscheinlichkeit gesteigert werden kann, den Kreis von Nutzer*innen zu erhöhen. Die Teilnehmer*innen sind eingeladen eigene Erfahrungen in der Umsetzung einer Digital-Strategie einzubringen und gemeinsam zu diskutieren welche organisationalen, personellen und kulturellen Bedingungen dafür förderlich sind.

Raus aus der Kultur-Bubble

In der März Ausgabe des KM Magazins habe ich mich mit drei Thesen für eine überfällige Annäherung an Outreach im Kulturbetrieb befasst. Das Magazin mit interessanten Beiträgen zum “Out of the Box” Denken und Handeln ist unter dem Link im Archiv des Kultur Management Network Magazin frei online verfügbar. Alle die nicht bis Seite 19 scrollen wollen lesen hier weiter.

Raus aus der Kultur-Bubble

Drei Thesen für eine überfällige Annäherung an Outreach im Kulturbetrieb

Ein Beitrag von Ivana Scharf

„Bubble“ nennt sich das Phänomen, das auftritt, wenn man sich in den
sozialen Medien in homogenen Gruppen aufhält: Es entsteht eine Filterblase, in der man nur noch Informationen sieht, die dem eigenen Weltbild, den persönlichen Anschauungen und Vorlieben entsprechen. Was Pariser (2012) für die virtuellen Netzwerke beschrieben hat, ist in klassischen Kulturinstitutionen eigentlich schon immer so. Diese lassen sich als um sich selbst kreisende und in sich geschlossene Räume beschreiben, in denen sich überwiegend sozial und ökonomisch besser gestellte Akademiker*innen begegnen. Die Besucher sind älter als der Bevölkerungsdurchschnitt und vorwiegend weiblich. Viele Häuser haben sich auf den Weg gemacht und stellen fest, dass die Ansprache von Menschen außerhalb der Bubble keine leichte Aufgabe ist. Teilweise besteht große Unwissenheit darüber, wie man die Membran durchlässig machen kann. Einrichtungen, die flexibel programmieren können, haben es leichter. So beispielsweise die Theater, in denen aktuelle gesellschaftliche Themen auf der Bühne verhandelt werden. Allerdings ist damit nicht sichergestellt, dass sich dadurch Besucherstrukturen ändern. Dieser Prozess der Öffnung bedeutet kontinuierliche Arbeit in allen Bereichen der Organisation wie es eindrucksvoll das Maxim Gorki Theater und die Komische Oper Berlin zeigen.

Dieser Prozess der Öffnung bedeutet kontinuierliche Arbeit in allen Bereichen der Organisation.

Wo steht der Kulturwandelprozess in den Museen?

Die Museen drohen aus der Zeit zu fallen: So beschreibt Hanno Rauterberg den radikalen Wandel und die Legitimationskrise der Institutionen in der Digitalmoderne (vgl. Rauterberg 2018: 49). „Wer allerdings verhindern will, einzelne Werke zum Objekt des Machtkampfs zu degradieren, muss seine emanzipatorischen Ansprüche tatsächlich dort anmelden, wo die eigentliche Macht sitzt: in den Gremien der Institution“ (ebd. 67). Die Aushandlungsprozesse finden verstärkt außerhalb des Museums in kaum kontrollierbaren Kommunikationsräumen statt. Das räumlich verteilte oder – wie Maletzke (1963) sagt – „disperse“ Publikum hat sich seit den sozialen Medien radikal verändert. Waren zu Zeiten der unidirektionalen Medien Zeitung, Fernsehen und Radio die Rezipienten kommunikativ voneinander getrennt, haben sie heute die Möglichkeit sich jederzeit – auch anonym – zu Interessensgruppen zu verbinden und sich Gehör zu verschaffen. Wie für alle gesellschaftsrelevanten Institutionen gilt es auch für die Museen, Aushandlungsprozesse neu zu gestalten – intern wie extern. Hier setzt Outreach an.

Wie für alle gesellschaftsrelevanten Institutionen gilt es auch für die Museen, Aushandlungsprozesse neu zu gestalten – intern wie extern.

„Outreach ist ein systematischer Prozess, bei dem die Kulturinstitution strategische Maßnahmen abteilungsübergreifend plant, durchführt und evaluiert, um Gesellschaftsgruppen einzubeziehen, die das Kulturangebot aus unterschiedlichen Gründen nicht eigeninitiativ wahrnehmen. Dieser Prozess bewirkt eine Veränderung in der Haltung der Institution, der Diversität des Personals, ihrer Programmgestaltung und Kommunikation. Ziel ist eine diversere, die Gesellschaft widerspiegelnde Besucherschaft“ (Scharf/Wunderlich/Heisig 2018: 13). Die Tätigkeit von Outreach-Managern und -Kuratoren hat wenig mit der klassischen Vermittlungsarbeit zu tun. Es geht nicht nur darum, etwas außerhalb des Museums anzubieten oder einfach neue Zielgruppen zu erschließen. Outreach wird besonders in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruchsituationen bedeutsam. Historisch lässt sich das im Gefolge der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren, oder im sozioökomischen Wandel im Großbritannien der 1990er Jahre beobachten (vgl. Scharf/Wunderlich/Heisig 2018: 50 ff.). Heute verändert sich die Gesellschaft durch Digitalisierung, Globalisierung und Migration. Während Outreach früher eine Reaktion auf gesetzliche und regulative Anstöße war, kann es heute proaktiv zur gesellschaftpolitischen Legitimierung eingesetzt werden. Outreach wird dann als offener Innovationsprozess verstanden und professionell als strategisches Diversity-Instrument eingesetzt. Weshalb Outreach auch im deutschsprachigen Raum weiter an Relevanz gewinnen wird, verdeutliche ich anhand folgender Thesen.

#Museen werden sich an ihrer Diversität messen lassen

Einigen Häusern wird es große Anstrengungen bereiten, ein diverseres Publikum zu begeistern. Es gibt immer mehr Kulturangebote bei zurückgehendem Interesse. Denn zahlenmäßig vergrößert sich die Besucherschaft nicht. Nachfolgende Generationen werden mit anderen Erwartungen und Kulturtechniken groß. Schulen bereiten nur wenigen Schüler*innen den Zugang zu Kunst und Kultur. Die Zugewanderten
sind mit ihren Interessen überhaupt nicht angesprochen.

Die Institutionen denen es besser gelingt die Diversität in der Gesellschaft widerzuspiegeln werden eine höhere Relevanz haben.

Kulturinstitutionen sollten Diversität ernst nehmen und die eigene Haltung reflektieren. Dies geht über Fragen der Inklusion und Integration hinaus. Die PANIC! Studie aus Großbritannien (Brook/O’Brien/Taylor 2018) zeigt, dass Menschen mit „Working Class“ Hintergrund sowohl in der Besucherschaft als auch im Personal stark unterrepräsentiert sind. Sie werden von den Beschäftigten der Kreativbranche nicht angesprochen, die vielmehr ihre eigenen, sehr spezifischen Geschmacksmuster reproduzieren. Die Besucherschaft ist folglich ein Spiegelbild der Mitarbeiter*innen im Kulturbetrieb, beide zusammen bilden eine „Kultur-Bubble“. Die Institutionen denen es besser gelingt die Diversität in der Gesellschaft widerzuspiegeln werden eine höhere Relevanz haben.

#Museen schaffen mehr Relevanz durch Begegnung

Kulturinstitutionen im Wandel definieren ihre gesellschaftliche Rolle neu, indem sie mit einer konsequenten Outreach-Strategie gewohnte Denk- und Handlungsmuster verlernen und in einem offenen Innovationsprozess direkte Begegnungen mit neuen Bevölkerungsgruppen schaffen. „Open Museum“ lautet der Name der Outreach-Abteilung der neun Glasgower Museen, die seit über 25 Jahren die Verbindung zur Stadtbevölkerung herstellt. Sie unterstützt die Philosophie der Museen, dass die Sammlungen den Menschen in Glasgow gehören: Sammlungsobjekte werden lokalen Gruppen zur Verfügung gestellt, die gemeinsam mit den Outreach-Mitarbeiter*innen Ausstellungen gestalten, die auch in Krankenhäusern, Bibliotheken oder Einkaufszentren zu sehen sind (vgl. Erickson 2015).

Neue Arbeitsweisen, die wechselseitige Begegnungen ermöglichen, sind zu etablieren.

Begegnung darf dabei keine Einbahnstraße bleiben. Noch wirkt Outreach zu wenig in die Museumspraxis hinein. Neue Arbeitsweisen, die wechselseitige Begegnungen ermöglichen, sind zu etablieren. Damit die Stimmen aus der Bevölkerung tatsächlich Eingang ins Museum finden, wurde in Glasgow ein Forum eingerichtet, in dem Bevölkerung, Outreach-Mitarbeiterinnen und Kuratorinnen untereinander, mit der Sammlung und zu aktuellen Fragestellungen in Kontakt treten (ebd.).

#Co-Kreation wird ein wichtiger Bestandteil der Museumsarbeit

Es ist nicht neu, dass Museen partizipativ sammeln oder Besucherinnen in Ausstellungsplanungen einbeziehen. Co-Kreation ist jedoch ein partizipatorischer Prozess, der bereits in der Phase der Konzeption beginnt. Die besondere Herausforderung ist dabei die Einbeziehung der Nichtbesucher. Das Historische Museum Frankfurt sucht daher Wege, um die Interessen und Bedürfnisse der Frankfurter Bürger, die bislang nicht präsent sind, kennenzulernen. Das Museum macht sich im Rahmen des Stadtlabors mit seinen Forschungsfragen auf den Weg und sammelt in wenig repräsentierten Stadtteilen Geschichten, Bilder, Töne und Exponate der Frankfurter Bürger. Einerseits mündet dies in Ausstellungen vor Ort, andererseits wird das, was als Suchbewegung außerhalb begonnen hat, schrittweise in die interne Museumsarbeit integriert (Scharf/ Wunderlich/Heisig 2018: 68 ff.). Direktor Jan Gerchow hat sich auf den offenen Prozess eingelassen: „Das ist ein gewagtes Experiment für eine so träge Einrichtung wie ein Museum. Aber auch Museen müssen sich bewegen, wollen sie im 21. Jahrhundert noch ihr Publikum anziehen und Relevanz behalten“ (Gesser/Mucha 2015: 5). Digital-Outreach am Rijksmuseum ermöglicht die kreative Aneignung und Nutzung durch Remixen und Neukontextualisieren (Scharf/Heisig/ Wunderlich 2018: 95), geht also ganz bewusst auf aktuelle Kulturtechniken ein. Die Sammlungsstücke werden in hochaufgelösten Dateiformaten kostenlos zur Verfügung gestellt und man darf die Bilder nach Belieben bearbeiten und weiterverwenden. Potentielle Nutzerinnen wurden bereits in die Entwicklung des benutzerfreundlichen Onlineangebots einbezogen. Was heute selbstverständlich erscheint, wird im Museumsumfeld kontrovers aufgenommen: Kritikpunkte betreffen den Umgang mit Originalen wie auch die vermeintliche Unbrauchbarkeit der Bilddatenbank für die wissenschaftliche Forschung. Das Publikum nimmt das Angebot dankend an, was am Zuwachs der Benutzerkonten ablesbar ist: Jede*r kann ihr/sein eigenes „Rijksstudio“ anlegen.

Es setzt jedoch eine grundlegende, mitunter auch schmerzliche Veränderung der Organisation voraus, die mit Reflexion und Aushandlungen einhergeht.

Die Outreach-Strategie hängt von den jeweiligen Ausgangsbedingungen des Museums ab. Wie Community-Outreach, Digital-Outreach und andere Formen kombiniert und organisiert werden, hängt vom Vernetzungspotential der Mitarbeitenden in ein nicht akademisches Umfeld ab, das aktiv auszubauen ist. Sie schaffen stimmige mobile Formate und virtuelle Angebote wie co-kreative Produktionen, Pop-ups, Flashmobs, Satellitenmuseen, online Tools oder digitales Storytelling. Outreach funktioniert in jedem Museum. Es setzt jedoch eine grundlegende, mitunter auch schmerzliche Veränderung der Organisation voraus, die mit Reflexion und Aushandlungen einhergeht. Es geht nicht darum, den wissenschaftlichen Anspruch aufzugeben, sondern die Wissenschaftlichkeit zugänglich zu machen. Die Ausstellung muss bereits in der Konzeption vielen Perspektiven geöffnet werden. Dadurch halten neue Themen, Aspekte, Sichtweisen und vor allem eine andere Sprache und Visualisierung Einzug ins Museum. Es entsteht eine selbverständliche sozialräumliche Vernetzung und Nähe zu verschiedenen Lebenswelten. Die Filterblase wird durchlässig.

LITERATUR

Brook, Orian; O‘Brien, David; Taylor, Mark (2018): Panic! Social Class, Tase and Inequalities in the Creative Industries, [online]:
http://createlondon.org/wp-content/uploads/2018/04/Panic-Social-Class-Taste-and-Inequalities-in-the-Creative-Industries1.pdf [14.06.2018]

Gesser, Susanne; Mucha, Franziska (Hrsg.) (2015): Frankfurt-Modell Sommertour 2015. Projektdokumentation historisches museum frankfurt, [online]:
https://historisches-museum-frankfurt.de/sites/default/files/sites/default/files/uploads/broschuere_
sommertour_2015.pdf [21.04.2017]

Maletzke, Gerhard (1963): Psychologie der Massen Kommunikation. Theorie und Systematik: Hamburg, Verlag Hans-Bredow-Institut

Pariser, Eli (2012): The Filter Bubble: What The Internet Is Hiding From You: London, Penguin Books

Rachel Erickson (2015): The open Museum in Glasgow, Scotland [online]: https://incluseum.com/2015/11/16/open-museum-glasgow-scotland/ [14.06.2018]

Rauterberg, Hanno (2018): Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus: Berlin, Suhrkamp Verlag.

Scharf, Ivana; Wunderlich, Dagmar; Heisig, Julia (2018): Museen und Outreach. Outreach als strategisches Diversity-Instrument: Münster, Waxmann Verlag.

Sonder Primus Digital im Dezember 2018

Geschichtomat wurde mit dem Sonder Primus der Stiftung Bildung und Gesellschaft ausgezeichnet. Der SONDER-PRIMUS DIGITAL prämiert viermal im Jahr zivilgesellschaftliche Initiativen, die Kinder und Jugendliche auf das Leben in einer digitalen Welt vorbereiten. Auf der Website der Stiftung heißt es:

Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden verknüpft im Projekt Geschichtomat digitale Bildung innovativ mit Erinnerungskultur, Geschichte und Abbau von Vorurteilen. Schülerinnen und Schüler erstellen selbst Videos und Texte zu jüdischer Geschichte und jüdischem Leben in Hamburg. Das Ergebnis ist eine tolle, umfangreiche Webseite als digitale Stadtkarte, die wiederum als Unterrichtsmaterial zum Einsatz kommen kann: https://www.geschichtomat.de/orte/geschichten/

Mehr Informationen zum Preisträger: https://www.stiftung-bildung-und-gesellschaft.de/primus-preis/digital/sonder-primus-dezember-2018.html

Blockchain & Kultur

In diesem Beitrag befasse ich mit der Entwicklung der Blockhain Technologie und gehe der Frage nach, welche Anwendungsmöglichkeiten sich in der Kultur ergeben. Der Text ist in gekürzter Fassung erschienen in: Kulturpolitische Mitteilungen Heft 162, 20 Jahre Bundeskulturpolitik

Die Dynamik der Entwicklung

Seit 2008 gibt es die Blockchain als dezentral organisiertes, digitales Verfahren, mit dem Transaktionen lückenlos, sicher und direkt durchgeführt werden können. Bis vor kurzem existierte das Thema nur in der außereuropäischen Entwicklerszene und in Fachzeitschriften. Mittlerweile verbreitet sich das Wissen um die Digitaltechnologie und ihre Anwendungen exponentiell. An der auf Blockchain-basierten Vertragsplattform „Ethereum“ arbeiten bereits 200.000 Programmierer (1), Blockchain-Webinare mutieren zu virtuellen Massenevents (2). Auch jenseits der Fachmedien liest man immer häufiger von der technologischen Revolution, und von sich seit dem Vorjahr verdoppelten Investitionssummen (3) Prototypen und Anwendungsszenarien finden sich in allen Branchen und Sektoren – mit durchaus gesellschaftsveränderndem Potential, auch für die Kultur.

„Um die Blockchain Technologie zu nutzen ist kein Bankkonto erforderlich, kein Nachweis der Staatsbürgerschaft, keine Geburtsurkunde, keine Anschrift und keine Landeswährung.“ (4)

Die Blockchain Technologie ermöglicht Transaktionen, bei denen Daten, Werte, Rechte, Eigentumstitel oder Ereignisse sicher und effizient übertragen werden können. Das Besondere ist, dass keine Mittler benötigt werden, die die Integrität garantieren. Durch die Prinzipien der Autonomie, Partizipation und Dezentralisierung sowie gesteigerte Transparenz und Sicherheit werden Transaktionen grundlegend verändert und Transaktionskosten minimiert.

Die Funktionsweise der Blockchain Technologie

Bei der Blockchain handelt es sich um einen Informationsverarbeitungsprozess, in dem Transaktionen mittels kryptographischer Verfahren in Datenblöcke und diese wiederum zu Ketten verbunden werden. Die Generierung eines neuen Blocks erfolgt mittels einer komplexen Rechenaufgabe in einem dezentralen Peer-to-Peer Netzwerk aus einer Vielzahl voneinander unabhängiger Einzelrechner. Hier kommt das Wettkampfelement ins Spiel: Die Aufgabe können nur bestimmte Teilnehmer*innen mit hoher Rechenleistung lösen. Wenn die Blockerstellung abgeschlossen ist, wird der Block an alle im Netzwerk Beteiligten gesendet, verifiziert und angefügt. Entlohnt wird, wem dies am schnellsten gelingt.

Prinzipiell kann jede*r mit der entsprechenden Rechnerleistung eine Kopie der gesamten Blockchain auf seinem Rechner speichern. Die eindeutigen Nutzeridentifikationen und Zuordnungen von Transaktionen erfolgt über private und öffentliche Schlüssel. Die Blöcke wiederum erhalten eindeutige Codes, auf den sich der jeweils nachfolgende Block bezieht. Die Grundidee liegt darin, Misstrauen als Potenzial einzusetzen. Man ist nicht mehr auf die Vertrauenswürdigkeit von mächtigen  angewiesen, weil die unveränderbare Gesamtinformation kollaborativ und dezentral gespeichert wird: Die Souveränität der einzelnen Teilnehmer*innen über ihre Daten wird gestärkt und dadurch wiederum das gesamte Netzwerk. Dank des Open-Source-Ansatzes kann man vorhandene Blockchains nutzen, weiterentwickeln oder neue initiieren.

Blockchain Anwendungen

Die Technologie ermöglicht den Wandel zu dezentralen Strukturen. Zwischenzeitlich lassen sich mit öffentlich, privat oder konsortial organisierten Blockchains nicht nur einzelne Transaktionen durchführen, sondern Verträge automatisiert erfüllen, dezentrale Applikationen fahren und dezentrale automatisierte Organisationen aufbauen: In einer Struktur ähnlich einer virtuellen Genossenschaft sorgt kollektive Intelligenz für Transparenz, Konsensfindung und Kollaboration jenseits traditioneller Strukturen, Hierarchien und Machtkonzentrationen. Dies fordert die noch gar nicht so alte Plattformökonomie heraus, bei der ganz wenige Anbieter*innen ihre Dienstleistungen zentral verwalten und mit ihrem enormen Volumen an Kundendaten hohe Vermögenswerte generieren.

Die erste breite Anwendung waren die Kryptowährungen. Trotz geringer faktischer Akzeptanz als Zahlungsmittel und der Bildung einer Spekulationsblase zeigte sich ihr Umwälzungspotenzial: Da Banken in ihrer bisherigen Form überflüssig werden könnten, sind es die Platzhirsche der Finanzbranche, die plötzlich größtes Interesse. Vier große Automobilhersteller zogen mit der Mobility-Open-Blockchain-Initiative (MOBI) nach. Im gemeinnützigen Sektor gibt es vielversprechende Ansätze: UNICEF und Greenpeace organisieren Fundraising, andere Organisationen vernetzten Fördergelder und Mittelempfänger auf direktem Weg. In der öffentlichen Verwaltung ist Estland Vorreiter bei der Verankerung der Technologie in sensiblen Government Prozessen wie Grundbucheintragungen oder die Führung von Krankenakten (5).

Die Europäische Kommission hat die umfassende Studie „Blockchain in Education“ beauftragt, um das Potenzial und die Risiken der Blockchain Technologie für den Bildungssektor darzustellen. Die Autor*innen kommen unter anderem zu dem Schluss, dass sie genau dann sinnvoll genutzt werden kann, wenn bereits im Vorfeld länderübergreifende Standards definiert werden. Aufgrund der Entwicklungsdynamik lautet die Empfehlung, strategische Public-Private-Partnerships einzugehen. Praktische Anwendung kann die Blockchain-Technologie bei papierlosen Zertifikaten zum Qualifikationsnachweis wie auch für wissenschaftliche Veröffentlichungen finden (6).

Anwendungen im Kulturbereich

Viele der bereits erwähnten Anwendungen lassen sich auf den Kulturbereich übertragen, für Künstler*innen, Institutionen und mit gesamtgesellschaftlicher Wirkung. Dort wo geistiges Eigentum entsteht, versprechen Blockchain-basierte Zertifikate einen eindeutigen Nachweis der Urheberschaft und somit eine unmittelbare Wertschöpfung. Musiker*innen können unmittelbar mit ihren Abnehmer*innen Austauschbeziehungen organisieren, und die Blockchain bietet die Basis für eine Rechte-Clearing-Stelle (7). Neue Anbieter*innen ermöglichen es Künstler*innen, mittels digitaler Zertifikate ihre Kunstwerke oder Lizenzen in Datenbanken zu registrieren (8). 2017 wurde der erste Kinofilm mit Kryptowährung finanziert (9). Im Bereich der bildenden Kunst entstehen Möglichkeiten, Provenienz, Zustand, Besitzverhältnisse und Werte von Kunstwerken nachvollziehbar zu machen. Museen können sich als Nutznießer wie auch als Verlierer der Technologie sehen: Während Verisart die herkömmlichen Museumsdatenbanken um die eben erwähnten Möglichkeiten erweitert, hebt Wunder.art hervor, dass Künstler*innen sich von etablierten Machtstrukturen im Kunstsystem, wie sie gerade die Kunstmuseen darstellen, befreien können. Das Wunder Museum ist ein dezentrales Blockchain-basiertes Kunstmuseum.

© wunder.art 

Museums are gatekeepers, blocking a democratic digital art market […] We are building the first Art-as-a-Service and Art-as-an-Asset infrastructure at the intersection of new media art, patronage, technology and art investments.” (10)

Die lange diskutierte Frage der Organisation von Nutzungsrechten digitaler Kunstwerke, erscheint durch die mögliche Abwicklung über dezentrale Anbieter gelöst. Artlery ist ein Künstler*innen-Netzwerk zur Vernetzung mit der Community. Die Plattform greift auf eine eigens entwickelte Kryptowährung mit dem Namen CLIO zurück, die durch Erschaffung, Ausstellung und die finanzielle wie ideelle Wertschätzung von Kunst geschöpft wird.

Was bedeutet Blockchain für die Kulturpolitik?

Blockchain wird interessant, um Urheberschaft und Provenienz nachzuweisen, für das Fundraising und die öffentliche Kulturförderung. Sie kann auch im Bereich kultureller Bildung unterstützend eingesetzt werden, um große Netzwerke zu aktivieren und etwa Künstler*innen und Schulen nach bestimmten Qualitätskriterien zusammenzubringen, am besten in einem Schwung mit der Finanzierung.

Auch wenn viele Fragen zu Effizienz, Skalierung und Rechtssicherheit noch lange nicht geklärt sind, fordert die Technologie Institutionen heraus, neue Lösungen zu entwickeln. Kulturpolitisch bedeutet das, sich mit der Technologie, dem Vokabular und den neuen Möglichkeiten der Prozessgestaltung zu befassen und ein Verständnis für die Chancen und Risiken zu entwickeln. Es gilt die Grundlagen zu schaffen, sinnvolle Anwendungsbereiche zu identifizieren und bereits im Vorfeld institutionen- und länderübergreifende Entwicklungsprojekte durchzuführen.

Die künstlerisch-kritische Auseinandersetzung mit der Blockchain aber auch ihr kreativ-schöpferischer Einsatz sind unterstützenswert. Es geht dabei um die Anregung eines gesellschaftlichen Diskurses über die Auswirkungen der Blockchain-Technologie. Ihre Veränderungskraft kann die Blockchain nur entfalten, wenn ihr Mehrwert für Individuen, Organisationen und die Gesellschaft dargestellt werden kann.


Literatur

GDI Impuls Nr.2 (2016) : Das Blockchain Manifest, Luzern: Gottlieb Duttweiler Institute für Wirtschaft und Gesellschaft

[online] https://issuu.com/gdi_impuls/docs/gdi_impuls_2_16_gesamtausgabe [08.08.2018]

Meinel, Christoph/ Gayvoronskaya, Tatiana/ Schnajkin, Maxim (2018): Blockchain. Hype oder Innovation, Potsdam: Universitätsverlag Potsdam.

Voshmgir, Shermin/ Kalinov, Valentin (2017): Blockchain. A Beginners Guide.

[online] https://s3.eu-west-2.amazonaws.com/blockchainhub.media/Blockchain+Technology+Handbook.pdf [08.08.2018]

(1) vgl. Handelsblatt (2018): Das Blockchain Manifest und seine Abgründe

[online] https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/krypto-kolumne/coin-und-co-die-krypto-kolumne-das-blockchain-manifest-und-seine-abgruende/21245486.html?ticket=ST-247400-UlhyT7zey4Gt5IT3bpcF-ap3 [08.08.2018]

(2) vgl. Meinel, Christoph /  Gayvoronskaya, Tatiana (2018): Onlinekurs vom 2. bis 16.07.2018 Blockchain: Hype oder Innovation? 

[online] https://open.hpi.de/courses/blockchain2018 [08.08.2018

(3) vgl. KPMG (2018): The Pulse of Fintech, 6.

[online] https://assets.kpmg.com/content/dam/kpmg/xx/pdf/2018/07/h1-2018-pulse-of-fintech.pdf [08.08.2018]

(4) Tapscott, Don / Tapscott, Alex (2017): Die Blockchain Revolution, Kulmbach: Börsenmedien AG, S.77. vgl. F.A.Z.(2017): Im Online-Staat gibt‘s keine Warteschlangen

[online] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/estland-ist-eine-vorzeigenation-bei-der-digitalisierung-15005575.html [08.08.2018]

(5) vgl. Grech, Alexander / Camilleri, Anthony F. (2017): Blockchain in Education, Luxembourg: European Union

[online] http://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/bitstream/JRC108255/jrc108255_blockchain_in_education.pdf [08.08.2018]

(6) vgl. Grech, Alexander / Camilleri, Anthony F. (2017): Blockchain in Education, Luxembourg: European Union

[online] http://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/bitstream/JRC108255/jrc108255_blockchain_in_education.pdf [08.08.2018]

(7) vgl. Tschmuck, Peter (2017): Die Musikbranche in der Blockchain

[online] https://science.apa.at/dossier/Die_Musikbranche_in_der_Blockchain/SCI_20171025_SCI76874352238775870 [08.08.2018]

(8) Tapscott, Don / Tapscott, Alex (2017): Die Blockchain Revolution, Kulmbach: Börsenmedien AG, S. 179.

(9) vgl. Wired (2018): Der Horror-Thriller Braid wurde per Kryptowährung finanziert

[online] https://www.wired.de/collection/life/braid-wurde-als-erster-film-mit-kryptowaehrung-finanziert [08.08.2018]

(10) vgl. [online] https://wunder.art [08.08.2018]

Geschichtomat bei der ersten Google Impact Challenge Deutschland

 

Mit Geschichtomat nahmen wir an der ersten Google Impact Challenge in Deutschland teil. Aus über 2000 Bewerbungen deutschlandweit zählten wir zu den Finalisten. 3,85 Millionen Euro vergab Google an die ausgewählten 210 Initiativen bei der Preisverleihung am 25. Februar in Berlin. Eine beeindruckende Veranstaltung die von der guten Stimmung der Sozialunternehmer lebte. Denn an diesem Abend waren alle Gewinner. Geschichtomat zählte zu einem der wenigen Kulturprojekte bundesweit, die es in das Finale geschafft haben. Eine tolle Würdigung der unzähligen Stunden und des Engagements, das in die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern fließt. Damit Jugendliche zu Ihrer eigenen Form der Erinnerung jüdischer Kultur und Geschichte finden.

Geschichtomat wird durch Drittmittel finanziert. Zu unseren wichtigsten Förderern gehören die Reinhard Frank-Stiftung und die Senatskanzlei der Hansestadt Hamburg.

Wenn Sie uns finanziell unterstützen oder als Kooperationspartner begleiten möchten, stehen wir Ihnen gerne telefonisch oder per E-Mail zur Verfügung. Kontakt aufnehmen.

Eine Spendenbescheinigung kann auf Wunsch ausgestellt werden. Spenden richten Sie bitte mit dem Verwendungszweck “Geschichtomat” an:

M.M. Warburg Bank
BLZ 201 201 00
Kontonummer 1010 252 107
IBAN: DE67 201 201 00 1000 252107
BIC: WBWC DE HH

Neue Arbeitswelt – Das Digitale im Analogen

Die Menschheit erschafft die Medien, die sie benötigt, um sich weiterzuentwickeln. Nun sind wir im digitalen Zeitalter angelangt und das Internet stellt offensichtlich momentan das geeignete Medium dar. Marshal MC Luhan brachte die Bedeutung der neuen Technik schon 1967 auf den Punkt. “Ihre Botschaft ist der totale Wandel, der aller Beschränktheit, sei sie psychischer, sozialer, ökonomischer oder politischer Art, ein Ende setzt.“ (Mc Luhan, 1967)

Jeder, der über einen Internetzugang verfügt und sich die wesentlichen Kenntnisse aneignet, kann zum Anbieter von Informationen, Dienstleistungen und Produkten werden. Das Internet ist und hat eine eigene Kultur, die von den Nutzern mitbestimmt wird – und sie prägt. Ermöglicht wird ein hohes Maß der Beteiligung jedes Einzelnen und der Selbstbestimmung. Die Informationen im Internet werden nicht von einer einzigen Instanz zur Verfügung gestellt. Die Besonderheit liegt in der Autonomie der Rezeption und der Konstruktion. Warum also sollten die Menschen hinter das zurückgehen, was nun Realität geworden ist? Diese digitalen Möglichkeiten wirken daher auch gesellschaftsgestaltend. Vor allem deutlich wird dies in der Arbeitswelt. Die Rede von neuer Arbeitswelt ist dann, wenn die digitalen Prinzipien wirken. Da es nicht mehr hinter diesen Entwicklungsschritt zurückgeht, beginnt ein Wettstreit darum, wer die neuen digitalen Möglichkeiten am besten in die analoge Welt überträgt. Einige Unternehmen haben sich auf den Weg gemacht. Wie diese im Film Augenhöhe portraitierten. Das atelier für gesellschaftsgestaltung hat sich an der Crowdfunding-Kampagne für den Film auf der Plattform startnetx beteiligt.

AUGENHÖHE OmU (dt.) from Daniel Trebien on Vimeo.